Freitag, 28. Februar 2014

„Aber wir müssen über dein Scheißkopftuch reden!“


Betül Ulusoy

Du bist nicht ausreichend gebildet, du wirst unterdrückt, du lebst fremdbestimmt. Welche muslimische Frau wurde mit einer solchen oder ähnlichen Aussagen nicht schon einmal unterschwellig oder direkt konfrontiert?

Nachdem ich im Abitur eine Podiumsdiskussion an meiner Schule organisiert hatte, kam meine Schulleiterin auf mich zu und gratulierte mir zu der gelungen Veranstaltung. Ihren Satz schloss sie mit den Worten ab: „Aber wir müssen über dein Scheißkopftuch reden!“. In einem darauf folgenden stundenlangen Gespräch über meine Bedeckung zählte sie mir unter anderem all die Dinge auf, die mir auf Grund meines Kopftuchs verwehrt seien. Ich könne keinen Sport machen. Ich hatte aber jahrelang Vereinssport gemacht. Ich trüge das Kopftuch aus Zwang. Meine Eltern waren aber dagegen, dass ich es trage. Sie schmunzelte. Ich würde doch nur denken, meine Eltern ließen mich frei entscheiden. Tatsächlich hätten sie mich aber derart erzogen und beeinflusst, dass ich gar nicht merkte, wie ich ein ihnen gefälliges Leben lebte. Irgendwann würde ich aufwachen.

Irgendwann wachte ich tatsächlich auf. Ich merkte, wie sehr mich die unschönen Erfahrungen aus der Schulzeit belastet hatten, dass ich vieles versucht hatte zu verdrängen oder schön zu reden, aber getroffen war, fast ohnmächtig.

Die Vorwürfe meine Schulleiterin sollten aber keine Ausnahme bleiben und mir noch viele male begegnen.

Im Frühjahr 2013 führte „Femen“ eine überaus öffent-lichkeitswirksame Kampagne zur Befreiung der muslimischen Frau durch. Was zunächst als Solidaritätsbe-kundung mit der Tunesierin Amina Sbouï anfing, entwickelte sich immer mehr zu dem Versuch, alle muslimischen Frauen vom Patriarchat und der Unterdrückung durch die Religion zu befreien. Wer sich wehrte, dem wurde pauschal das Stockholm-Syndrom unterstellt: Starke muslimische Frauen als Opfer, die die Tragweite ihrer Unterdrückung nicht erkennen, weil sie Sympathien zu ihren Peinigern, Vätern, Brüder und Ehemänner, empfinden. Das kam mir doch bekannt vor.

Femen protestierte, wie immer barbusig, auch in Berlin vor der symbolträchtigen Ahmadiyya Moschee und erntete dafür große mediale Aufmerksamkeit.
Mit meinen Freundinnen beschloss ich, darauf zu reagieren. Nicht um Femens Willen. Was sie taten, konnte ich aus verschiedenen Gründen ohnehin nicht ernst nehmen. Meinetwillen. Denn Femen war mit ihren Ansichten nicht allein. Mit dem Vorwurf des Stockholm-Syndroms wurde lediglich ein Bild überspitzt, dass in unserer Gesellschaft vorherrscht: Muslimische Frauen leben unterdrückt und fremdbestimmt. Die mediale Aufmerksamkeit zu dieser Zeit bewusst nutzend, wollten wir aber gerade diesem weit verbreiteten Bild unser eigenes Bild gebildeter und starker muslimischer Frauen, die nicht auf den Mund gefallen waren, entgegensetzen.

Musliminnen protestieren vor der Ahmadiyya Moschee in Berlin-Wilmersdorf

Was zunächst metaphorisch klingt, haben wir tatsächlich so umgesetzt: Wir haben ein Bild vom Femen-Protest vor der Moschee parodiert, in dem wir ihrem Bild unseres mit gleicher Mimik, Gestik und Haltung entgegensetzen. Unser Bild ging daraufhin als „MuslimaPride“ um die ganze Welt und durch die überwältigende mediale Aufmerksamkeit, die dieses eine Bild ausgelöst hat, konnten wir unsere eigene Geschichte erzählen.

Denn eines muss uns klar sein: Es gibt in Deutschland nicht die arme „muslimische Frau“, die unter Zwang und Unterdrückung leidet, Phänomene, die uns scheinbar nicht betreffen. Es gibt in Deutschland schlicht und einfach „Frauen“, die alle ähnliche Probleme und Sorgen haben: Häusliche Gewalt, die Betreuung des Kindes, gleiche Löhne für die gleiche Arbeit. Ich darf nicht mit einem Frauenbild konfrontiert werden, das wir in Deutschland von Frauen im Iran oder Saudi Arabien haben. Christliche und muslimische Frauen haben im Iran sicher ähnliche Probleme, Frauen aus Charlottenburg und Neukölln wahrscheinlich nicht. Es ist die Sozialisation, die uns eint oder trennen kann, nicht die Religion, nicht das Kopftuch.
Diese Probleme werden nur sicherlich nicht dadurch gelöst, in dem wir uns rein waschen oder fühlen, in dem wir sie von uns weg und anderen zuschreiben. Feminismus bedeutet nicht, dass ich andere Frauen als Opfer darstelle, sondern sie unterstütze – Gerade auch dann, wenn mir ihre Entscheidungen nicht immer gefallen. Freiheit und Feminismus ist, wenn ich jedem seine Freiheit zugestehe, unabhängig von meinem persönlichen Lebensweg und Überzeugungen – Die muss nicht jeder teilen.


Betül Ulusoy hat Jura an der Freien Universität Berlin studiert und ist Mitarbeiterin im JUMA Projekt. Sie engagiert sich im Bildungsbereich und im interrreligiösen Dialog und ist Moscheeführerin in der Şehitlik Moschee in Berlin. Unter Facebook kannst Du die von Betül Ulusoy gegründete Gruppe MuslimaPride finden: 

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