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| Betül Ulusoy |
Du bist nicht ausreichend
gebildet, du wirst unterdrückt, du lebst fremdbestimmt. Welche muslimische Frau
wurde mit einer solchen oder ähnlichen Aussagen nicht schon einmal
unterschwellig oder direkt konfrontiert?
Nachdem ich im Abitur eine
Podiumsdiskussion an meiner Schule organisiert hatte, kam meine Schulleiterin
auf mich zu und gratulierte mir zu der gelungen Veranstaltung. Ihren Satz
schloss sie mit den Worten ab: „Aber wir müssen über dein Scheißkopftuch
reden!“. In einem darauf folgenden stundenlangen Gespräch über meine Bedeckung
zählte sie mir unter anderem all die Dinge auf, die mir auf Grund meines
Kopftuchs verwehrt seien. Ich könne keinen Sport machen. Ich hatte aber
jahrelang Vereinssport gemacht. Ich trüge das Kopftuch aus Zwang. Meine Eltern waren
aber dagegen, dass ich es trage. Sie schmunzelte. Ich würde doch nur denken,
meine Eltern ließen mich frei entscheiden. Tatsächlich hätten sie mich aber
derart erzogen und beeinflusst, dass ich gar nicht merkte, wie ich ein ihnen
gefälliges Leben lebte. Irgendwann würde ich aufwachen.
Irgendwann wachte ich tatsächlich
auf. Ich merkte, wie sehr mich die unschönen Erfahrungen aus der Schulzeit
belastet hatten, dass ich vieles versucht hatte zu verdrängen oder schön zu
reden, aber getroffen war, fast ohnmächtig.
Die Vorwürfe meine Schulleiterin
sollten aber keine Ausnahme bleiben und mir noch viele male begegnen.
Im Frühjahr 2013 führte „Femen“ eine überaus öffent-lichkeitswirksame Kampagne zur Befreiung der muslimischen Frau durch. Was zunächst als Solidaritätsbe-kundung mit der Tunesierin Amina Sbouï anfing, entwickelte sich immer mehr zu dem Versuch, alle muslimischen Frauen vom Patriarchat und der Unterdrückung durch die Religion zu befreien. Wer sich wehrte, dem wurde pauschal das Stockholm-Syndrom unterstellt: Starke muslimische Frauen als Opfer, die die Tragweite ihrer Unterdrückung nicht erkennen, weil sie Sympathien zu ihren Peinigern, Vätern, Brüder und Ehemänner, empfinden. Das kam mir doch bekannt vor.
Femen protestierte, wie immer
barbusig, auch in Berlin vor der symbolträchtigen Ahmadiyya Moschee und erntete
dafür große mediale Aufmerksamkeit.
Mit meinen Freundinnen beschloss
ich, darauf zu reagieren. Nicht um Femens Willen. Was sie taten, konnte ich aus
verschiedenen Gründen ohnehin nicht ernst nehmen. Meinetwillen. Denn Femen war
mit ihren Ansichten nicht allein. Mit dem Vorwurf des Stockholm-Syndroms wurde
lediglich ein Bild überspitzt, dass in unserer Gesellschaft vorherrscht:
Muslimische Frauen leben unterdrückt und fremdbestimmt. Die mediale
Aufmerksamkeit zu dieser Zeit bewusst nutzend, wollten wir aber gerade diesem
weit verbreiteten Bild unser eigenes Bild gebildeter und starker muslimischer
Frauen, die nicht auf den Mund gefallen waren, entgegensetzen.
| Musliminnen protestieren vor der Ahmadiyya Moschee in Berlin-Wilmersdorf |
Was zunächst metaphorisch klingt, haben wir tatsächlich so umgesetzt: Wir haben ein Bild vom Femen-Protest vor der Moschee parodiert, in dem wir ihrem Bild unseres mit gleicher Mimik, Gestik und Haltung entgegensetzen. Unser Bild ging daraufhin als „MuslimaPride“ um die ganze Welt und durch die überwältigende mediale Aufmerksamkeit, die dieses eine Bild ausgelöst hat, konnten wir unsere eigene Geschichte erzählen.
Denn eines muss uns klar sein: Es
gibt in Deutschland nicht die arme „muslimische Frau“, die unter Zwang und
Unterdrückung leidet, Phänomene, die uns scheinbar nicht betreffen. Es gibt in
Deutschland schlicht und einfach „Frauen“, die alle ähnliche Probleme und
Sorgen haben: Häusliche Gewalt, die Betreuung des Kindes, gleiche Löhne für die
gleiche Arbeit. Ich darf nicht mit einem Frauenbild konfrontiert werden, das
wir in Deutschland von Frauen im Iran oder Saudi Arabien haben. Christliche und
muslimische Frauen haben im Iran sicher ähnliche Probleme, Frauen aus
Charlottenburg und Neukölln wahrscheinlich nicht. Es ist die Sozialisation, die
uns eint oder trennen kann, nicht die Religion, nicht das Kopftuch.
Diese Probleme werden nur
sicherlich nicht dadurch gelöst, in dem wir uns rein waschen oder fühlen, in
dem wir sie von uns weg und anderen zuschreiben. Feminismus bedeutet nicht,
dass ich andere Frauen als Opfer darstelle, sondern sie unterstütze – Gerade
auch dann, wenn mir ihre Entscheidungen nicht immer gefallen. Freiheit und
Feminismus ist, wenn ich jedem seine Freiheit zugestehe, unabhängig von meinem
persönlichen Lebensweg und Überzeugungen – Die muss nicht jeder teilen.
Betül
Ulusoy hat Jura an der Freien Universität Berlin studiert und ist
Mitarbeiterin im JUMA Projekt. Sie engagiert sich im Bildungsbereich
und im interrreligiösen Dialog und ist Moscheeführerin in der
Şehitlik Moschee in Berlin. Unter Facebook kannst Du die von Betül
Ulusoy gegründete Gruppe MuslimaPride finden:

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