Donnerstag, 20. Februar 2014

Gleichberechtige Teilhabe für gehörlose Muslime ermöglichen


Ich heiße Merve Büyükdipi, bin 19 Jahre alt und studiere im         3. Semester im Kernfach Rehabilitationswissenschaften mit Schwerpunkt Audio- und Gebärdensprachpädagogik und im Zweitfach Sozialkunde an der Humboldt Universität zu Berlin.
 
Ich habe Kontakt zu gehörlosen Menschen, u.a. auch zu Muslimen. Häufig kam die Frage auf, ob ich ihnen etwas über den Islam erzählen kann. Der Zugang zu islamischem Wissen ist ihnen aufgrund des fehlenden Kommunikationsmediums erschwert. Daher habe ich die Initiative ergriffen, ihnen eine Art Islamunterricht zu bieten. Zunächst habe ich versucht, den deutschsprachigen Mittwochunterricht zu dolmetschen. Später habe ich auch in einer anderen türkischsprachigen Moschee gedolmetscht. Gehörlose Menschen sind mit einer ständigen Kommunikationsüberforderung belastet. Meine Arbeit soll ihnen diese Last abnehmen und ihnen gleichberechtigte Teilhabe an muslimischen Communities gewähren. Im Mai diesen Jahres kam die Anfrage der Sehitlik Moschee, ob ich die Moscheeführung beim Sommerfest dolmetschen kann. Zunächst war ich sehr skeptisch, da ich die befürchtet hatte, dieser Verantwortung nicht nachkommen zu können. Doch später habe ich das Angebot angenommen, um die erste Brücke zwischen gehörlosen und hörenden Menschen bzw. Muslimen zu schlagen. Natürlich habe ich mich zuvor gut vorbereitet und die Gehörlosenverbände in Berlin angeschrieben. Erfreulicherweise kamen viele Gehörlose.



Merve Büyükdipi
Ich erlerne die Gebärdensprache im Studium. Ich habe schon immer das Gefühl gehabt, dass das Thema Hörschädigung oder Behinderung an sich, in der Gesellschaft, insbesondere in der muslimischen Community, immer mehr an den Rand rückt. Man spricht in den Medien, in sozialen Netzwerken, in diversen Projekten,  immer von Integration. Was da als erstes in den Sinn kommt, sind Menschen mit Migrationshinter- oder -vordergrund, wie man es nennen mag. Für mich zeichnet Integration aber was ganz anderes aus. Integration für mich bedeutet gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft, durch den Abbau von Barrieren und Vorurteilen. Auch behinderte Menschen wollen dazugehören. Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung sind in meinen Augen nicht behindert, ja sie sind physisch vielleicht benachteiligt, doch sie können genau dieselben kognitiven und kommunikativen Kompetenzen erbringen wie wir hörenden Menschen.  Daher sollte die Gesellschaft sich bemühen, Stolpersteine zu beseitigen, bspw. durch Aufklärung zu diesbezüglichen Themen in Grundschulen, durch die Einführung von Gebärdensprache als Fremdsprache, durch Untertitelung im Fernseher, usw. Wir sollten nachdenken, ob nicht wir hörenden Menschen diese Menschen behindern. Meine Absicht ist es, der Gesellschaft einen Anstoß zu geben, sich für diese Menschen einzusetzen.
Aufgrund der extrem begrenzten Einrichtungen/Organisationen für gehörlose Muslime, können sich viele Muslime nicht als vollwertiges und anerkanntes Mitglied der (muslimischen) Gesellschaft fühlen und werden somit zwangsläufig ausgegrenzt. Als erstes sollten die Menschen keine Scheu haben. Wenn Menschen mit einer Beeinträchtigung auf einen zukommen, sollte man sie nicht ignorieren oder verdrängen, sondern bspw. per Schriftsprache versuchen mit ihnen zu kommunizieren. Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, wie schwer es ist, Gebärdensprachdolmetscher zu arrangieren. Zum Einen gibt es eine sehr begrenzte Anzahl von gebärdensprachkompetenten Muslimen in Deutschland und zum Anderen sind die vorhandenen nichtmuslimischen Dolmetscher für Viele nicht finanzierbar. Daher habe ich diesen Kurs gestartet, um den Menschen eine völlig neue Sprache und Kultur näherzubringen und um einen Austausch zwischen Hörenden und Gehörlosen zu ermöglichen. Denn nur Sprache schafft Zugang. Wenn Moscheen nicht die Mittel haben, Unterrichte simultan zu übersetzen, können sie versuchen, Vorträge, Unterrichte oder Freitagspredigte visuell, durch technische Mittel, zu unterstützen. 

Diskriminierung ist eine Art Benachteiligung verschiedener Menschengruppen. Das kann verschiedene Gründe haben. Auch beeinträchtigte Menschen können Opfer von Diskriminierung werden. Und wir können, vielleicht unbewusst, zu Täter werden.
 
Merve Büyükdipi
Ich wünsche mir, dass Menschen, egal ob behindert oder gesund, ihre Hemmungen und Vorurteile ablegen und sich näherkommen. Alle Menschen auf dieser Welt sollten ein selbstbestimmtes Leben führen dürfen, kein bevormundetes. Mein Anliegen ist es, die Gesellschaft, speziell Gemeinden für das Thema Behinderung zu sensibilisieren und erhoffe mir für die Zukunft, dass sie ihre Moscheen behindertengerechter, durch inklusive Programme, die Übernahme von sozialer Verantwortung oder Aufzüge, gestalten.

Alle Menschen auf dieser Welt sollten ein selbstbestimmtes Leben führen dürfen, kein bevormundetes.


Merve Büyükdipi studiert Rehabilitationswissenschaften und Sozialkunde
an der Humboldt Universität zu Berlin.
Informationen über den Islam in Gebärdensprache findest Du unter der
Webseite von Ege Karar: http://www.deaf-islam.org/


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