Ich
heiße Merve Büyükdipi, bin 19 Jahre alt und studiere im 3.
Semester im Kernfach Rehabilitationswissenschaften mit Schwerpunkt
Audio- und Gebärdensprachpädagogik und im Zweitfach Sozialkunde an
der Humboldt Universität zu Berlin.
Ich
habe Kontakt zu gehörlosen Menschen, u.a. auch zu Muslimen. Häufig
kam die Frage auf, ob ich ihnen etwas über den Islam erzählen kann.
Der Zugang zu islamischem Wissen ist ihnen aufgrund des fehlenden
Kommunikationsmediums erschwert. Daher habe ich die Initiative
ergriffen, ihnen eine Art Islamunterricht zu bieten. Zunächst habe
ich versucht, den deutschsprachigen Mittwochunterricht zu
dolmetschen. Später habe ich auch in einer anderen
türkischsprachigen Moschee gedolmetscht. Gehörlose Menschen sind
mit einer ständigen Kommunikationsüberforderung belastet. Meine
Arbeit soll ihnen diese Last abnehmen und ihnen gleichberechtigte
Teilhabe an muslimischen Communities gewähren. Im Mai diesen Jahres
kam die Anfrage der Sehitlik Moschee, ob ich die Moscheeführung beim
Sommerfest dolmetschen kann. Zunächst war ich sehr skeptisch, da ich
die befürchtet hatte, dieser Verantwortung nicht nachkommen zu
können. Doch später habe ich das Angebot angenommen, um die erste
Brücke zwischen gehörlosen und hörenden Menschen bzw. Muslimen zu
schlagen. Natürlich habe ich mich zuvor gut vorbereitet und die
Gehörlosenverbände in Berlin angeschrieben. Erfreulicherweise kamen
viele Gehörlose.
| Merve Büyükdipi |
Ich erlerne die Gebärdensprache
im Studium. Ich habe schon immer das Gefühl gehabt, dass das Thema Hörschädigung
oder Behinderung an sich, in der Gesellschaft, insbesondere in der muslimischen
Community, immer mehr an den Rand rückt. Man spricht in den Medien, in sozialen
Netzwerken, in diversen Projekten, immer
von Integration. Was da als erstes in den Sinn kommt, sind Menschen mit
Migrationshinter- oder -vordergrund, wie man es nennen mag. Für mich zeichnet
Integration aber was ganz anderes aus. Integration für mich bedeutet
gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft, durch den Abbau von Barrieren
und Vorurteilen. Auch behinderte Menschen wollen dazugehören. Menschen mit
einer Hörbeeinträchtigung sind in meinen Augen nicht behindert, ja sie sind
physisch vielleicht benachteiligt, doch sie können genau dieselben kognitiven
und kommunikativen Kompetenzen erbringen wie wir hörenden Menschen. Daher sollte die Gesellschaft sich bemühen,
Stolpersteine zu beseitigen, bspw. durch Aufklärung zu diesbezüglichen Themen
in Grundschulen, durch die Einführung von Gebärdensprache als Fremdsprache,
durch Untertitelung im Fernseher, usw. Wir sollten nachdenken, ob nicht wir
hörenden Menschen diese Menschen behindern. Meine Absicht ist es, der
Gesellschaft einen Anstoß zu geben, sich für diese Menschen einzusetzen.
Aufgrund der extrem begrenzten
Einrichtungen/Organisationen für gehörlose Muslime, können sich viele Muslime
nicht als vollwertiges und anerkanntes Mitglied der (muslimischen) Gesellschaft
fühlen und werden somit zwangsläufig ausgegrenzt. Als erstes sollten die
Menschen keine Scheu haben. Wenn Menschen mit einer Beeinträchtigung auf einen
zukommen, sollte man sie nicht ignorieren oder verdrängen, sondern bspw. per
Schriftsprache versuchen mit ihnen zu kommunizieren. Aus meiner Erfahrung
heraus weiß ich, wie schwer es ist, Gebärdensprachdolmetscher zu arrangieren. Zum
Einen gibt es eine sehr begrenzte Anzahl von gebärdensprachkompetenten Muslimen
in Deutschland und zum Anderen sind die vorhandenen nichtmuslimischen
Dolmetscher für Viele nicht finanzierbar. Daher habe ich diesen Kurs gestartet,
um den Menschen eine völlig neue Sprache und Kultur näherzubringen und um einen
Austausch zwischen Hörenden und Gehörlosen zu ermöglichen. Denn nur Sprache
schafft Zugang. Wenn Moscheen nicht die Mittel haben, Unterrichte simultan zu
übersetzen, können sie versuchen, Vorträge, Unterrichte oder Freitagspredigte
visuell, durch technische Mittel, zu unterstützen.
Diskriminierung
ist eine Art Benachteiligung verschiedener Menschengruppen. Das kann
verschiedene Gründe haben. Auch beeinträchtigte Menschen können
Opfer von Diskriminierung werden. Und wir können, vielleicht
unbewusst, zu Täter werden.
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| Merve Büyükdipi |
Ich
wünsche mir, dass Menschen, egal ob behindert oder gesund, ihre
Hemmungen und Vorurteile ablegen und sich näherkommen. Alle Menschen
auf dieser Welt sollten ein selbstbestimmtes Leben führen dürfen,
kein bevormundetes. Mein Anliegen ist es, die Gesellschaft, speziell
Gemeinden für das Thema Behinderung zu sensibilisieren und erhoffe
mir für die Zukunft, dass sie ihre Moscheen behindertengerechter,
durch inklusive Programme, die Übernahme von sozialer Verantwortung
oder Aufzüge, gestalten.
Alle
Menschen auf dieser Welt sollten ein selbstbestimmtes Leben führen
dürfen, kein bevormundetes.
Merve
Büyükdipi studiert Rehabilitationswissenschaften und Sozialkunde
an der Humboldt Universität zu Berlin.
Informationen über den Islam in Gebärdensprache findest Du unter der
Webseite von Ege Karar: http://www.deaf-islam.org/
an der Humboldt Universität zu Berlin.
Informationen über den Islam in Gebärdensprache findest Du unter der
Webseite von Ege Karar: http://www.deaf-islam.org/

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